Im Dschungel von Kenia / Part 1

Ich befinde mich in Afrika, Kenia. Ich kann noch das Slum direkt vor meinen Augen sehen, als wäre ich gestern erst da gewesen. Ich steige aus dem vollen, maroden Bus aus und kann den unebenen Boden unter meinen Füßen spüren. Ich nehme sofort den beißenden Geruch nach Verwesung und Plastik wahr. Verwesung von Lebensmitteln und abgestorbenem Fleisch. Überall liegt Müll herum, hauptsächlich in den Gräben neben dem Weg, vor den Häusern. Okay, als Häuser kann man nichts im Slum bezeichnen, wohl eher als Hütten, oder provisorisch zusammengebaute Orte zum leben. Durch Holz und Müll werden die Behausungen zusammengehalten. Der Weg zum Waisenhaus ist weit, fast 40 Minuten zu Fuß, immer tiefer in den Dschungel des Slums hinein. Wir Volunteers reden viel, um die tiefen Blicke um uns herum besser ignorieren zu können. Es kommen ein paar Kinder auf uns zugerannt, ziehen an unserer Kleidung und tanzen um uns herum. Nebenher schreien sie immer wieder lachend: „Monsungu, Monsungu“, was so viel wie „weißer Mensch“ bedeutet. Als hätte man einen Stempel auf der Stirn, mit der Aufschrift „ich bin anders als du“. So schnell wie die Kinder gekommen sind, sind sie auch wieder weg, als hätten sie das Interesse an uns verloren. Ab und zu verfolgen sie uns einige Minuten und verschwinden einfach wieder.

Wir biegen links auf einen schmaleren Weg ab, ein paar frei laufende Hunde kämpfen miteinander um ein Stück Fleisch. Im Slum gibt es nur eine Regel: es gibt keine! Das Ziel am Ende des Tages ist nur zu überleben. Wie die Hunde, die gegenseitig bis zum bitteren Ende um einen Happen Fleisch kämpfen, der sie nicht einmal annähernd satt macht. Ein Mann schreitet ein und schlägt die Hunde mit einem Stock. Die Hunde wagen es nicht einmal den Mann anzugreifen und ziehen sich zurück. Wir biegen rechts ab, wir sind auf einem recht ruhigen Pfad auf dem sich nur wenige Menschen befinden. Ein Huhn läuft uns gackernd über den Weg und verschwindet zwischen zwei Hütten. Am Rande des Weges liegt ein Hund, auf den ersten Blick scheint er zu schlafen, doch sein Brustkorb hebt und senkt sich nicht. Er ist gescheitert, er hat den Ausweg aus dem Teufelskreis auf eine andere Art und Weise gefunden. Sein ehemals weißes Fell ist ganz braun vor Schmutz und von schwarzen Geiern des Slums umhüllt, den Fliegen. Alltag ist das hier, der Tod folgt unmittelbar dem Leben. Der Tod sieht hier keinen Unterschied zwischen Mensch oder Tier, ihm ist es egal, ob es ein Erwachsener ist oder ein Kind. Kinder sterben hier genauso wie die Hunde, aus den selben Gründen. An Krankheit, Infektion, vor Hunger oder sie verdursten einfach. Ich muss an das Lazerth am Anfang des Weges denken. Halbherziges befindet sich dort das Symbol eines roten Kreuzes auf einem verrosteten Metallzaun, den jemand mit blauer Farbe angestrichen hatte. Rein sehen konnte man von außen nicht, aber viel war nicht zu erwarten.

Unser Pfad kreuzt einen größeren Weg, auf dem sich viel Trubel befindet. Hier wird mit Lebensmitteln gedealt und andere Geschäfte gemacht. Man sieht sogar Roller den holprigen Weg entlang brettern. Von hier aus sind es ca. noch 10 Minuten. Wir gehen wieder einen schmaleren Weg entlang, hier leben viele Kinder. Man sieht sie an der Straße mit dem Müll spielen und sich gegenseitig die Haare flechten. Mir wird langsam ziemlich heiß, es ist ziemlich schwül an diesem Tag und die Luft ist stickig. Eine Frau an der Straße begrüßt uns mit „Habari“, was so viel wie „wie geht’s dir“ bedeutet. Freundlich sagen wir „Monsuri“, was „gut“ bedeutet. Sie schaut mich mit einem schiefen Lächeln an, ihre Zähne sind größtenteils pechschwarz und ihre Augen schimmern gelb. Sie fragt auf englisch, wo ich her komme und ich sage aus Deutschland. Sie antwortet sogleich mit „Ahh America“. Ich erwidere es mit einem leichten Nicken und wende mich wieder den anderen Volunteers zu, die mich grinsend anschauen. Es hat nicht viel Wert zu sagen wo du aus der Welt her kommst, denn im Slum gibt es nur die Stämme, hier ist nur wichtig ob du Kikuiu bist oder was anderes. Der Rest der Welt existiert hier nicht, weil man nicht weiter als das Slum träumen kann. Außerhalb Afrika ist nur Amerika, das ist alles, was man glaubt zu wissen. Dort wohnen die Weißen, die reichen Menschen, die alles besitzen. Und die Schwarzen sind alle in Afrika und sie sind arm und besitzen nicht mehr als das, was sie am Körper tragen. Hier ist die Welt Wort wörtlich schwarz und weiß aufgeteilt.

Wir biegen rechts ab und ich kann schon die Kinder vom Waisenhaus hören und ich muss automatisch anfangen zu lächeln. Wieder rechts und da ist das große Tor. Grün gestrichen und die Maus von Tom and Jerry ist darauf gemalt, darüber steht der Slogan „Jesus helps the orphanage“. Trotz der Armut haben die Menschen den Glauben an ihre Religion nicht verloren. Ich weiß nicht, ob ich das bewundern oder es für naiv halten soll, aber vielleicht ist es auch einfach der einzige Strohalm nachdem sie greifen. Wir öffnen die Metalltür und sind endlich da. Es bietet uns ein Haus aus echtem Zement, aber völlig herunter gekommen, es ist einfach nur der Grundriss eines Hauses. Als hätte man angefangen zu bauen und dann einfach wieder damit aufgehört. Einige Kinder entdecken uns sofort und rufen ins Haus „Monsungu, Monsungu“. Wie eine aufgescheuchte Herde Gnus rennen sie auf uns zu. Jeder will in den Arm genommen werden und herum geschleudert werden. Aber eigentlich will jedes der Kinder nur geliebt werden. Wir sind meistens 3 bis 5 Freiwillige, so ist es nahezu unmöglich 35 Kindern gerecht zu werden. Aber man gibt natürlich alles, um es annähernd zu tun. Lusi ein sehr zurück gezogenes, stilles Kind, die mich sonst immer begrüßt, ist nicht zu sehen. Ich hatte mir es zur Aufgabe gemacht sehr viel über jedes Kind zu erfahren, um ihre Geschichten irgendwann mal aufzuschreiben. Lusi hatte das Glück eine kleine Schwester zu haben, die genauso wie sie auch hier wohnt, Mary ist ihr Name. Man weiß nicht wie alt die beiden Mädchen sind, Geburtstage sind hier nicht von Bedeutung, man schätzt das Alter der Kinder und so alt sind sie eben. Ich schätze Mary auf 3 und Lusie auf ca. 4 Jahre. Sie hatten ihre Mutter beide an dem HIV Virus verloren, durch mangelnde Medikation und Mittel kommt dies auch auf die Liste für die Gründe der Todesfälle im Slum. Ihr Vater war meinen Nachforschungen zu Folge im Krankenhaus, was im Slum heißt, er ist in Nazareth und aller Wahrscheinlichkeit schon lange Tod. Hier gilt das Gesetz der Natur, was eine natürliche Selektion zu Folge hat. Dies bedeutet, nur die Stärksten überleben hier.

Ich halte überall Ausschau nach Lusi und entdecke sie schließlich am Fuße der kleinen Treppe, die ins Haus führt. Ich laufe auf sie zu, gefolgt von 4 anderen Kindern und beuge mich zu ihr runter. Sie hustet. Ich merke, dass ich die ganze Zeit die Luft angehalten hatte und fange wieder an ruhig zu atmen. Ich nehme sie hoch, auf meinen Arm, obwohl sie 4 Jahre alt zu sein scheint, ist sie so leicht wie ein Baby. Ihre Arme sind Spargel dünn und sie schwitzt. Ihre Augen sind ganz winzig und so gelb wie die Sonne. Ich fasse ihr an die Stirn, sie hat hohes Fieber, 39.5 schätze ich. Ich trage sie ins Haus und lege sie mit aller Vorsicht aufs modrige Sofa. Ich benutze meine Jacke als Decke. Aus meiner Tasche hole ich Medikamente, um das Fieber zu senken. Ich zerkleinere die Tablette und schiebe sie ihr in den Mund. Langsam greife ich nach meiner Flasche und gebe ihr was von meinem Wasser mit Vitaminen, das mal, abgesehen von den Vitaminen, nicht so verdreckt und voller Bakterien ist wie das übliche Wasser hier. Ich streichle ihr sanft über den Kopf und summe ein Lied, das mir meine Mom immer zum einschlafen vorgesungen hat. Ich denke darüber nach, wie es ihr wohl gehen würde, wenn sie einfach das Glück gehabt hätte, in einem anderem Land groß zu werden. Und mir wird augenblicklich bewusst, wie viel Glück ich habe in Deutschland geboren geworden zu sein und leben zu dürfen. Man kann so ein Gefühl wirklich nur dann fühlen, wenn man das Elend und das Leid live miterlebt hat. Es ist zwar nicht so schlimm wie in einem Kriegsgebiet, aber diese Menschen führen trotzdem ständig Krieg, gegen den Tod, gegen das Verhungern und gegen das beklemmende Gefühl für immer hier zu bleiben. Ihre Augenlider senken sich langsam, ihre Atmung wird flacher und trotz des Lärms, der um sie tobt, scheint sie eingeschlafen zu sein.

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s