I’m just like you, only different

In diesem Blog Eintrag geht es um ein sehr persönliches Thema meines Lebens. Ich war mir zunächst sehr unsicher, diesen jetzt schon zu veröffentlichen. Dennoch bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass dies ein großer Teil von mir ist und ich nicht die Angst haben sollte zu ihm zu stehen. Aber ich möchte euch nicht länger auf die Folter spannen, ihr werdet schon gleich verstehen um was es geht!

Ich war gerade 15 Jahre alt geworden, befand mich auf einer Freizeit im Norden Deutschlands und entdeckte alle möglichen neuen, aufregende Dinge. Ich fing an, gefallen an Nikotin zu finden, große Unmengen Alkohol zu konsumieren und meine Grenzen voll auszureizen. Ich weiß bei manchen fing das alles schon etwas früher an, aber ich war irgendwie schon immer ein Spätzünder, was vielleicht auch einiges in meinem jetzigen Alter erklärt. Ich entdeckte in diesem Alter nicht nur das Interesse für Tequila & illegale Dinge, sondern auch das Interesse für Liebe & Sex. Es ist die Zeit, in der man denkt, plötzlich erwachsen zu werden und trotzdem gleichzeitig grundlegend gegen Erwachsene rebelliert. Da war ich also junge 15 Jahre alt und glaubte das erste Mal in meinem Leben, ich sei verliebt.

Nennen wir diesen Ritter in glänzender Rüstung mal „Colin“. Es hat alles gepasst: er flirtete mit mir und ich flirtete mit ihm, soweit man das eben in diesem Alter konnte, und er lud mich schließlich auf ein Date ein. Ich weiß noch, wie ich mich jedes Mal in seinen blau-grünen Augen verlor und wie es kribbelte in seiner Nähe zu sein. Da war dieses Gefühl auf dem Millionen Lieder, Bücher und Filme basierten und ich hatte die Ehre es auch zu spüren. Ich weiß, es klingt alles etwas zu schnulzig, aber so war ich eben mit 15. Die richtig rebellische Enny kam erst 2 Jahre später. Ich war so aufgeregt, dass ich gleich meiner neuen Freundin davon erzählen musste, die ich auch auf dieser Freizeit kennengelernt hatte. Diese eine Freundin (nennen wir sie „Kate“) verunsicherte mich. Sie erzählte mir, dass er versuchen würde, mich natürlich zu küssen, was ja eben der Vorwand für ein Date war. Diese Tatsache brachte mich natürlich völlig aus dem Konzept. Sie fragte, ob ich darauf vorbereitet wäre und ich erwiderte das mit einem kurzen Stirnrunzeln. Natürlich dachte ich, ich sei darauf vorbereitet, ich hatte „Kiss & Kill“ oder „Wie durch ein Wunder“ schon mindestens 16-mal gesehen. Doch sie verunsicherte mich und ich erwiderte schließlich ein untertoniges nein und äußerte, ich wisse überhaupt nicht wie das eigentlich geht. Es sollte mein erster, richtiger Kuss sein und ich wollte mich noch in 80 Jahren daran erinnern, wie wunderschön doch dieser war. Doch ich machte mir alle möglichen illusorischen Ausmallungen, was hätte alles passieren können. Diese reichten von: ich würde ihm auf die Zunge beißen, bis hin zu: er würde sich so über meine nicht vorhandene Kuss-Erfahrung erschrecken, dass er vor lauter Schreck rückwärts taumeln, über einen Stein stolpern und sich anschließend das Genick brechen würde. Kate sagte schließlich, dass es kein Problem sei, dass man dies in meinem Fall noch üben könnte, da noch jede Menge Zeit war bis zu meinem Date.

Ich widersprach ihr nicht, aber konnte ihr auch nicht ganz folgen. Ich fragte sie also, wie sie das meine und sie sagte: „Wir können ja zusammen üben, dann bist du bestens darauf vorbereitet.“ Ich erwiderte darauf, ob es nicht komisch sei, wenn wir uns küssten. Mal abgesehen davon, dass wir Freundinnen waren, fand ich es komisch mit dem gleichen Geschlecht so intim zu werden. Sie merkte, dass ich mir total unsicher war und erwiderte darauf, dass sie dies mit einer anderen Freundin auch schon gemacht hätte und dass dies ganz normal sei unter Freundinnen. Also willigte ich ein. Sie stand mir gegenüber und berührte ganz leicht meine Hände mit ihren Fingern, dann schloss sie die Augen und küsste mich. Ihre Lippen waren so weich und es fühlte sich erschreckend gut an, dass ich nicht aufhören konnte diesen Kuss zu erwidern. Meine Hände wanderten in dem Moment in Richtung ihrer Taille, als sie schließlich die Situation entschärfte und zurück wich. Sie schaute mich an und sagte, dass es sich mit Jungs natürlich viel besser anfühle, aber dass es nicht schlecht gewesen sei und dass wir das nie wieder tun würden. Und ich hatte mein Ziel erreicht. Mein erster richtiger Kuss war unvergesslich geblieben und er war wunderschön gewesen. Und ja, er hat mir etwas bedeutet und in mir einiges auf den Kopf gestellt. Wir sprachen natürlich nie wieder darüber und ich bin mir sicher, dass sie diesen Kuss schon längst vergessen hatte, nachdem sie aus dem Zimmer geschlendert war. Und wie der Lauf der Dinge so war, kam ich mit Colin zusammen und ich liebte ihn auch wirklich. Ich lernte in der Zeit all die Pärchen Sachen, die man eben so tat und irgendwann trennten sich unsere Wege durch umfangreiche Ereignisse. Aber um ihn geht es nicht in dieser Geschichte, auch nicht um Kate, sondern dass ich das andauernde Gefühl hatte, seit diesem Kuss anders zu sein.

Ich lernte erst mit der Zeit in welchem Punkt ich anders war und erst mit 18 Jahren begann ich diese Tatsache für mich selbst zu akzeptieren. Ich wusste es schon seit diesem Kuss, aber ich habe es immer wieder ganz tief in mir vergraben. Ich habe es weggesperrt und bin diesem Thema so gut es ging immer wieder aufs Neue ausgewichen. Die Tatsache ist – ich bin bisexuell. Das heißt ich liebe Männer und Frauen.
Mit 18 habe ich mich dann auch geoutet. Meine Schwester war, glaube ich, die aller erste Person, der ich es anvertraut habe und sie hatte gar kein Problem damit. Meinen Eltern habe ich es erstaunlicher Weise danach erzählt und es war wirklich die gefühlt schwierigste Aufgabe der Welt. Meine Mom beruhigte, glaube ich, die grundlegend Tatsache, dass ich auch noch die Möglichkeit hatte Männer zu lieben und machte sich anschließend nur noch Sorgen um ihre zukünftigen Enkelkinder. Mein Dad nahm es eben auf die Dad Weise auf und hat mittlerweile gar kein Problem mehr damit. Das eigentliche Problem war, dass ich in einem Dorf lebte und Leute vom Dorf haben einen Stereotyp von Familie. Diese Leute tratschen gerne und sind wie die Monster, wenn sie die Möglichkeit sehen einem das Leben zur Hölle zu machen. Aber das war mir so egal mit der Zeit. Ich hatte Freunde, die nahmen es auf, als hätte ich gesagt ich würde später in den McDonalds gehen und ich hatte diese Freunde, mit denen ich 2 Stunden ein Gespräch führen musste. Aber das war mir egal, weil je mehr ich darüber sprach, umso selbstbewusster wurde ich. Ich hatte sogar das Gefühl meine Bindung zu meinen Freunden mehr gefestigt zu haben. Manche hatten dieses feste Bild von Mann & Frau und trotzdem akzeptierten sie meine sexuelle Orientierung.

Oft bekam ich zu hören: „Du verliebst dich doch nicht etwa in mich?“ Und das weitaus öfter als mir lieb war. Es regte mich auf, wenn ich diese typischen Sätze hörte, denn ihr verliebt euch doch auch nicht in jeden Jungen, wenn ihr auf Jungs steht oder anders rum?! Es ist manchmal nicht einfach so zu sein wie ich bin, denn trotz der immer weiter steigenden Toleranz gegenüber diesem Thema, muss man sich immer wieder irgendwie outen. Man wird immer mit denselben Fragen konfrontiert und muss immer erklären warum man so ist wie man ist. Ich lerne ständig neue Leute kennen und jedes Mal muss ich mich aufs neue outen. Wäre es die normalste Sache der Welt, wäre dann eine Erklärung fällig?! Die Antwort ist nein. Denn ich frage auch nicht jedes hetero Mädchen, warum es auf Jungs steht, oder?! Aber das ist nicht das einzige mit dem man immer zu kämpfen hat. Oft fragen mich Menschen: „Wer ist denn der männliche Part, wenn du jetzt mit einer Frau zusammen bist?“ Die Antwort ist, es muss keinen männlichen Part geben, denn das ist ein Klischee. Es gibt Frauen die deutlich machen, dass sie sich eher als männlich ausdrücken möchten, aber das sind die sogenannten „Tom Boys“. Ich finde das okay und ich bin nicht so – Auch wenn ich mir die Haare mal ganz kurz geschnitten habe und gerne weite Klamotten trage. Da wären wir auch schon beim nächsten Klischee, das vorwiegend Lesben zugeordnet wird. Aber das wirklich verletzende habe ich euch noch gar nicht erzählt. Wenn du eine Frau triffst, sie mit dir flirtet, es passt alles und es kommt dieser Satz: „Du, ich steh eigentlich auf Männer, aber ich wollte schon immer irgendwie ausprobieren wie es ist mit einer Frau zu schlafen…“
Liebe experimentierfreudige hetero-Frauen da draußen: Wenn ihr das unbedingt machen wollt, dann haut es gleich zu Beginn raus. Zweitens: Wir sind keine Spielzeuge, wir haben sowas wie Emotionen. Das Problem ist, dass man sich nicht nur outet, weil man sich zu dem gleichen Geschlecht hingezogen fühlt, sondern weil man Gefühle für dieses entwickeln kann. Wenn man von dem ganzen mal absieht, finde ich es toll so zu sein wie ich bin und habe nicht mehr das Gefühl mich verstecken zu müssen. Außer ich befinde mich in muslimischen Ländern, aber das ist ein anderes Kapitel über das ich auch noch schreiben werde. Ich sehne mich wirklich nicht danach gesteinigt zu werden, obwohl es natürlich auch andere Muslime gibt. Zudem ändert das nichts an meiner Person, denn wenn ihr meine Freunde fragt, bin ich immer noch dieselbe Person wie vor 6 Jahren, ganz zum Leide meiner Eltern.

Was mich aber eigentlich dazu gebracht hatte, diesen Artikel jetzt zu veröffentlichen, war eine Freundin. Ich habe eine Freundin, die sich nicht selber traut so zu sein, wie sie ist. Sie kann mir nicht mal in die Augen sehen und sagen, dass sie lesbisch ist – Obwohl ich sehr offensichtlich die letzte Person im Universum wäre, die dies verurteilen würde. Doch es ist viel komplizierter dazu zu stehen, wenn man nicht so offen aufgewachsen ist wie ich. Sie kann es nicht tun, weil sie das Gefühl hat, ihren Glauben an Gott zu verraten. Auch wenn ich selber noch nicht weiß, welchen Glauben ich habe, kann ich sie verstehen. Wenn man eine Religion hat, von der man überzeugt ist, auf die man immer wieder zurückgreift und die einem im Endeffekt verbietet frei zu lieben. Diese Person verliert nicht nur die Liebe, sondern findet nicht einmal Kraft in dem was ihr eigentlich Halt gibt. Das ist ein Teufelskreis, aus dem sie keinen Ausweg findet. Ich mache mir Sorgen, weil ich glaube, dass sie in dieser Verfassung bereit ist alles zu verlieren. Sie hat das Gefühl entweder eine Lüge leben zu müssen oder alles zu verraten und zu verlieren an was sie glaubt. Ihre Familie, ihre Freunde, den Glauben an Gott. Aber wäre die Lösung, ich würde ihr die Entscheidung abnehmen, indem ich sie öffentlich oute, um diesem Leiden ein Ende zu setzen?! Ich kann ihr diese Entscheidung nicht abnehmen, da sie der einzige Mensch ist, der es tun sollte. Vielleicht wird sie dadurch vieles verlieren, aber vielleicht wird sie auch einen Weg finden, ihren Glauben und ihre Liebe ausleben zu dürfen. Man kann sich doch nicht aussuchen in wen man sich verliebt und ich weiß, dass diese Erfahrung auf jede erdenkliche Art schmerzhaft sein kann, weil mir auch schon einmal das Herz gebrochen wurde. Trotzdem habe ich alles riskiert und am Ende doch mit gebrochenem Herzen dagestanden. Aber manche Menschen sind halt große Pokerspieler, die alle Chips in den Pot werfen und am Ende alles verlieren. Aber es gibt auch diejenigen, die mit mehr rausgehen, als was sie am Anfang gesetzt haben. Es kommt darauf an, wie viel du bereit bist am Ende zu riskieren. Die besten Pokerspieler gewinnen am Ende nicht durch Glück oder Können, sondern weil sie davon überzeugt sind, dass sie eine Chance haben zu gewinnen.

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