Chloe Black

Wir treffen täglich Entscheidungen. Der Fakt, dass du gerade diese Zeilen hier liest beweist doch schon alleine, dass du eine Entscheidung getroffen hast und vielleicht werde ich dadurch dein Leben beeinflussen, vielleicht aber auch nicht. Entscheidungen über Entscheidungen: Reden oder schweigen, bleiben oder gehen, links oder rechts, tu es oder tu es nicht. Egal wie wir uns entscheiden, schlussendlich beeinflussen wir uns oder unser gesamtes Umfeld. Wir entscheiden uns für etwas und das Leben ändert sich, dadurch das wir uns entschieden haben. Wir können Leben retten oder sie zerstören, nur durch unsere getroffene Entscheidung. Sie machen uns stärker und manchmal schwächer. Ganz egal welche Entscheidung man trifft, das Leben kann sich in einem Herzschlag ändern. Aber alle müssen damit leben wofür sie sich entschieden haben, ob es jetzt falsch oder vielleicht doch richtig gewesen war. Du musst mit Entscheidungen leben die du getroffen hast, ob es jetzt dein Leben oder die deiner Mitmenschen beeinflusst hat. Und manchmal bereuen wir Entscheidungen zu tiefst. Aber wir müssen unser restliches Leben lernen damit umzugehen.

Das hier ist ein Blogeintrag über eine Entscheidung, die mich schon sehr lange begleitet. Sie ist wie mein Schatten, der mich nie verlassen hat. Jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen und das ist eines meiner vielen kleinen Päckchen. Diese Geschichte gehört zu meinem Leben dazu und sie hat auch dazu irgendwie beigetragen, wer ich heute bin. Ich weiß einfach nicht mit welchen Entscheidungen du dich gerade rumschlagen musst, ob du dir vielleicht überlegst dich von deinem Freund zu trennen oder du deinen Kumpel zu etwas überreden möchtest, was ihn schlussendlich alles kosten könnte – Egal welche Entscheidung du triffst, wähle immer mit Bedacht und wähle nur Entscheidungen mit denen du Leben kannst.

Es war einer dieser übertriebenen heißen Sommer, bei gefühlten 35 Grad im Schatten. Meine Mom war der Ansicht, dass es von großem Nutzen wäre, mich auch in den Ferien mit der Schule zu quälen. Also schickte sie mich jedes Jahr immer wieder aufs Neue in ein Englisch Camp. Da es mir den vorherigen Tag nicht so gut ging,  durfte ich für eine Nacht nach Hause. Also waren wir gerade Wegs auf dem Weg zurück in die Hölle auf Erden. Meine Mom hatte mir an diesem Tag, gütiger weise erlaubt die Schule zu schwänzen und fuhr mich deswegen erst am Nachmittag zum Camp. Es führte nur ein Weg zum Camp runter, das genau am See lag. In Tipis schliefen wir dort, so richtig Indianer mäßig. Am Ende des Weges befand sich eine kleine Halle, in der wir nur schliefen wenn es ein starkes Unwetter gab. Denn die Zelte waren unten nicht ganz geschlossen und bei Regen schwammen wir quasi in unseren Schlafsäcken. Als meine Mom anhielt wartete schon einer der Betreuer am Ende des Weges, ich verabschiedete mich etwas genervt um dann wie ein Sklave dem Betreuer um die Halle ins Camp zu folgen. Er sagte knapp, dass er noch was Wichtiges zu klären hätte und dass ich mit den anderen Kids etwas spielen sollte, wonach wir dann Kanu fahren würden. Ich erwiderte das mit einem mürrischen nicken und rannte zu den anderen.

„Hey“, Simon begrüßte mich mit einem breiten Grinsen. Ich hatte mich mit ihm angefreundet, weil er genau so viel Scheiße baute wie ich und es zusammen einfach viel mehr Spaß machte. „Wie geht’s?“, antwortete ich auch mit einem schiefen Grinsen. „Gut. Sag mal, hast du Bock mit uns Rugby zu spielen?“, fragte er mit einem Enthusiasmus, der weit über meinen hinaus ging. „Ja später, ich bring nur meine Sachen noch schnell ins Tipi!“, er nickte und ich lief Gedanken verloren in Richtung des Mädchen Tipis. Somit lief ich gerade Wegs gegen meinen Betreuer Tony, der mich vorher abgeholt hatte. „Du sollst doch mit den andern was machen!“, er klang sehr gestresst. „Ich wollte doch nur meine Sachen ins Zelt bringen.“ „Das geht jetzt nicht, stell sie vors Zelt.“ Ich wollte ihm wiedersprechen, doch er unterbrach mich sofort, „du siehst doch gerade das ich beschäftigt bin, oder?! – Also.“ Erst jetzt fiel mir auf, dass ihm gegenüber eine blasse Frau stand, Mitte 40 vielleicht, deren Augen voll mit Tränen waren. Neben ihr stand ein völlig übermüdeter Mann, der den Arm um diese verweinte, Frau legte. An der anderen Hand hielt er einen kleinen Jungen der vielleicht gerade 8 war. Man sah ihm sofort an, dass egal um was sich es hier auch immer drehte, dass er es gar nicht verstand. Diese Frau kam mir so bekannt vor, aber Tony drängte mich schleunigst dazu meine Sachen zum Zelt zu bringen und abzuzischen. Aber irgendwas stimmte da nicht und ich hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache. Das müssen doch die Eltern von irgendwem gewesen sein und warum waren sie schon hier?! – Abreisetag war doch immer erst Sonntag und wir hatten gerade mal Donnerstag. Mir ballerten so viele Fragen durch den Kopf, doch ich beschloss, dem später nachzugehen. Als ich am Zelt angekommen war, stellte ich meine Tasche vorsichtig ab und drehte mich gerade um, als ich plötzlich hörte wie jemand hinter mir anfing zu rennen. Ich drehte mich um und sah wie Chloe in die Richtung des Weges wegrannte, von dem mich meine Mutter vorher abgesetzt hatte.

Warum rannte sie weg vom Camp und wo war sie her gekommen? – Durfte ich deswegen nicht ins Zelt? Ich blickte zu Tony rüber und er sah gerade nicht in meine Richtung. Ich hatte nicht viel Zeit zu entscheiden. Sie war schon fast hinter der Halle verschwunden. Ich rannte ihr hinter her, unwissend worauf das hinauslaufen sollte. Ich kannte Chloe besser als die anderen Kids zumindest, sie erzählte fast nie was über sich. Sie war immer so zurückhaltend und schüchtern gewesen und machte nie bei den Wasseraktivitäten mit. Sie war 3 Jahre älter als ich und auch wenn sie alle für komisch hielten, freundete ich mich mit ihr an. Ich dachte immer außergewöhnliche wunderschöne Mädchen, wären immer beliebt, aber so ganz stimmte diese Theorie dann doch nicht. Obwohl sie älter war als ich holte ich sie fast ein, nur noch 4 Meter ca. Ich rief sie solle verdammt nochmal stehen bleiben und mir erklären was in sie gefahren ist. Doch sie rannte, als sei eine Herde Löwinnen hinter ihr her. Das Problem war nur das meine Fähigkeit der Sprint war und das bedeutete nicht, dass ich automatisch, gleichzeitig der Ausdauer Typ war. Sie steuerte aber nicht direkt den Weg zur Straße hin an, sondern steuerte gerade Wegs in Richtung des Waldes zu, der am See lag. Ich keuchte heftig, langsam machte sich mein Asthma bemerkbar. Sie verschwand im Wald und ich folgte ihr. Tannennadeln fetzten mir ins Gesicht und der Wald wurde immer dichter. Ich verlor sie, sie war weg. Ich sah sie nicht mehr. Ich blieb stehen, erleichtert, dass ich jetzt wenigstens nach Luft schnappen konnte.

Sollte ich zurückgehen und den Betreuern Bescheid geben, oder sollte ich der Sache selber auf den Grund gehen?! Ich entschied mich dafür sie erst einmal zu suchen, vielleicht wollte sie einfach nur aus diesem ätzenden Camp verschwinden und dann würde ich ihr helfen. Ich lief also immer weiter in den Wald, aber so dass ich zu meiner linken den See immer im Auge behielt. Immer wieder rief ich ihren Namen, doch es kam nie eine Antwort zurück. Als ich schon wieder kehrt machen wollte, hörte ich ein leises fast unhörbares Schluchzen zu meiner linken. Ich lief in Richtung des Sees und ein paar Meter weiter war ein kleiner Steg zu sehen, mit einem einzelnen Segelboot und auf diesem Steg saß Chloe, mit dem Rücken zu mir. Als ich den Steg betrat, sagte ich leise ihren Namen, um sie nicht zu erschrecken, doch sie antwortete mir nicht. Sie dreht ihren Kopf zu mir hoch und schaute mich an. Tränen liefen ihr wie ein kleiner Fluss über die Wangen. Ihre tief grünen Augen blitzen auf in dem Licht der Sonne. Trotz des heißen Wetters hatte sie einen dünnen Pulli an und ihre langen, dunkel braunen Haare waren wie immer offen. „Darf ich?“, und zeigte mit fragendem Blick auf den freien Platz neben ihr. Sie nickte kaum erkennbar und ich setzte mich neben sie. Ich sagte „Hey…“ und legte meine Hand auf ihre Schulter, aber sie zuckte zusammen, als würde sie diese Berührung zu tiefst schmerzen. Auf das „Hey“ folgte dann ein schnelles „Sorry“ und ich saß einfach nur neben ihr. Sie hörte nicht auf zu weinen, aber wir schwiegen uns trotzdem an. Ich wollte ihr Zeit lassen den ersten Schritt zu machen und ihr die Chance lassen von selbst zu reden. Ich dachte es ginge um einen Jungen oder um ihre Freunde zuhause, ich hätte niemals das Ausmaß vermutet, was mich noch erwartete.

Ich schaute auf ihre Hände und bemerkte dass ihr Blut unter dem Pulli hervor, an der rechten Hand, herunterfloss. „Du blutest ja…“, stellte ich besorgt fest. „Nicht so schlimm“, nuschelte sie und schaute in Richtung des Wassers. „Lass mal sehen!“ Entschlossen zog ich ihren Ärmel hoch, bevor sie etwas erwidern konnte. Ich erschrak, ihr ganzer Arm war nur so übersät mit Narben. Eine war wieder aufgegangen und blutete stark. „Chloe…“, ich wusste nicht was ich sagen sollte, mein Dad hat immer gesagt diese Menschen sind krank, denen muss geholfen werden und ein paar von meinen Freunden hatten immer gesagt, wie verrückt und Aufmerksamkeit besessen diese Leute doch waren. „Chloe…“ versuchte ich es erneut, „hast du dir dies alles selber angetan?“. Sie schwieg. „Warum?“, fragte ich und suchte ihren Blick. Sie drehte ihren Kopf und schaute mich an, endlich öffnetet sie ihren Mund: „Warum?! – Das ist das einzige, das mich noch fühlen lässt, dass ich am Leben bin und nicht die leere Hülle meines zurück gelassen selbst.“ „Versteh ich nicht“, sagte ich von vorne rein. „Und deswegen Enny, mag ich dich so! Du bist so ehrlich wie ein Kind und schämst dich nicht dafür welche Konsequenzen deine Ehrlichkeit hat.“, erwiderte sie und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Ich musste lächeln, das schätzten meine Eltern auch immer so an mir.

„Dann sag mir was los ist Chloe, erzähl mir wirklich warum du das hier tust und warum du wegläufst, hier sitzt und weinst?“ Sie strich sich eine ihrer braunen Strähnen hinters Ohr. „Hast du die Leute, bei Tony gesehen?“, fragte sie wieder einigermaßen gefasst. Ich nickte. „Das ist meine Familie, sie sind hier um mich abzuholen.“ Sie zögerte kurz dann sagte sie: „Sie sind hier um mich einweisen zu lassen, in die Psychiatrie, wegen dem was ich mir selbst antue.“ Ich biss auf meine Lippe und sagte etwas unsicher, „Aber vielleicht können sie dir dort helfen, ich meine du machst dich ja selber kaputt!“ Ein sarkastisches Lächeln huschte ihr übers Gesicht, „Aber niemand kann das. Niemand…“ Eine kurze Pause folgte, „… niemand außer der endgültige Tod.“ Ich schluckte, „so darfst du nicht denken, denk an deine Freunde, an deine Familie!“ Sie schaute durch mich hindurch, so schien es mir, „das tue ich! Das ist der einzige Grund warum ich noch hier bin, warum ich mir das selbst antue. Aber ich hab noch nie mit jemanden darüber gesprochen und wenn man die Wahrheit wüsste würde man mich vielleicht verstehen.“ Ich bettelte sie förmlich an, „dann erzähl es mir! Erzähl es mir und ich verspreche dir du kannst mir Vertrauen, ich bin für dich da und es wird dir besser gehen!“ Sie senkte ihren Blick, „ Du hast Recht bald endet alles und es muss jemand die Wahrheit über mich erfahren, bevor ich…“, sie seufzte, „… bevor, Chloe Black diese Erde für immer verlassen wird.“ „Sag sowas nicht Chloe!“, erwiderte ich bestimmend.

Sie ignorierte das und fing an zu erzählen. Sie fing an und ich wusste nicht wie dunkel die Geheimnisse von Chloe Black wirklich waren. Obwohl ich sie als meine Freundin bezeichnet hatte, wusste ich eigentlich nichts über sie. Andauernd lernen wir Menschen kennen, wo wir vorgeben sie zu kennen, dennoch wissen wir eigentlich nichts über sie. Chloe saß da und vertraute mir an, was ihr Leben so sehr zerstört hatte. Sie versuchte es mir so detailliert wie möglich zu erklären, damit ich zu ihr wurde, ein Teil der Geschichte und sie auch wirklich verstehen konnte.

Sie räusperte sich und begann zu erzählen: „Ich war 10 Jahre alt gewesen, als meine Eltern beschlossen hatten Weihnachten in Asien zu verbringen. Also flogen wir dahin, es sollte doch der Urlaub sein auf den meine Eltern schon so lange gewartet hatten. Es war wunderschön, die Strände waren so weiß und das Meer so türkis, wie man es immer nur in den Werbespot gesehen hatte. Meine Eltern standen jeden Morgen sehr früh auf, um einen Spaziergang am Strand zu machen. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als es passierte. Es war früh am Morgen, meine Eltern waren schon aus dem Hotel gegangen und hatten mich und meinen kleinen Bruder ausschlafen lassen. In der Nacht hatte es ein Erdbeben gegeben und ich hatte deswegen sehr schlecht geschlafen. Aber als es aufgehört hatte, machten sich meine Eltern keine Sorgen mehr darüber. Ich wachte früh am Morgen auf, Schweiß gebadet, weil ich einen schrecklichen Albtraum gehabt hatte. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern um was es in dem Traum ging, aber ich hörte Menschen schreien, die um ihr Leben flehten. Ich dachte mir nichts weiter dabei, war erleichtert, dass es nur ein Traum gewesen war, den ich sofort wieder versuchte aus meinen Gedanken zu radieren. Ich zog mir wie jeden Morgen was an und ging auf unseren Balkon der sich im ersten Stock des Hotels befand. Unser Hotel ähnelte mehr einem idyllischen Familienhaus, denn es war nicht besonders hoch. Vier Stöcke glaube ich etwa und in jedem Stock befanden sich 5 Hotelzimmer. Der Haupteingang zur eher kleineren Lobby, befand sich unter unserem Balkon, worauf man direkt den Blick auf das Meer hatte.

Ich schaute auf das Meer hinaus, es war ungewöhnlich an diesem Tag, denn das Wasser hatte sich so weit zurückgezogen. Es war mehr Strand als Meer zu sehen. Trotzdem sah ich wie die Wellen sich in weiter Ferne überschlugen. Ich dachte wenn sie schon aus dieser Entfernung so riesig waren, müssten sie einige Meter hoch sein. Ich wollte meine Eltern anrufen, als ich sie sah, die Welle. Es war erst ein scheinbarer Vorbote, von dem unglaublichen was danach folgen würde. Die Menschen am Strand traf es überraschend. Manche blieben wie angewurzelt stehen und rührten sich nicht. Manche Menschen packten ihre Kinder und rannten um ihr Leben. Ein Mann schrie „Tsunami“, dann kam die riesen Welle und riss ihn mit sich. Sie kam direkt auf mich zu, mein ganzer Körper zitterte und ich konnte mein eigenes Herz schlagen hören. Ich drehte mich um ging ins Zimmer und verschloss die Balkon Tür. Ich versuchte meine Eltern zu erreichen doch es ging niemand ran, ich erreichte niemanden. Waren sie von der Welle schon erfasst worden? Warum verdammt gingen sie nicht an ihr Telefon? Ich musste an Mason, meinen kleinen Bruder denken. Ich weckte ihn und er weinte, er war gerade erst 2 Jahre alt und konnte noch nicht schwimmen. Panik stieg in mir auf ich versuchte das Bett vor den Balkon zu schieben und als ich es schaffte sah ich wie die Welle schon das Hotel erreicht hatte.

Ich nahm meinen kleinen Bruder auf den Arm und drückte ihn ganz fest, als wäre es ein Abschied. Ich betete zu Gott dass die Scheibe halten würde, doch sie brach im selben ein. Das Wasser stieg rapide an, mein Bruder weinte noch lauter also zuvor. Gegenstände wurden herein gespült, alles Mögliche und das Wasser stand mir in kürzester Zeit bis zu den Knien. Ich wusste, dass war meine alle letzte Möglichkeit die Tür zum Gang des Hotels aufzureißen, doch die Wassermaßen drückten dagegen. Und mir wurde schlagartig bewusst, dass ich und Mason hier bitterlich ertrinken würden. Da hörte ich die Stimme meines Vaters und meiner Mutter auf der anderen Seite der Tür, es waren noch mehr Stimmen zu hören die ich aber nicht zuordnen konnte. „Chloe, Schatz halte durch, wir holen dich und Mason da raus“, hatte meine Mom immer wieder geschrien. Und da brachen sie ein Loch in die Tür, wo das Wasser noch nicht gestanden hatte. Groß genug das ich mich gerade so hin durch quetschen konnte. Mason zuerst, dann ich. Die Splitter der Holztür bohrten sich in meine Haut, als ich mich durch dieses kleine Loch quetschte. Aber ich konnte mich genau daran erinnern, wie heil froh ich war meine Eltern wieder zu sehen und ich jeglichen Bezug zum körperlichen Schmerz verlor.

Eines war klar wir hatten nicht viel Zeit und die Türen würden uns nicht vor den gewaltigen Wassermassen schützen. Mein Dad nahm meinen kleinen Bruder, der nicht aufhörte zu weinen und meine Mom ergriff meine Hand. Mein Dad rief immer wieder: „Wir müssen weiter nach oben…“ Wir hatten fast die Treppe am Ende des Flures erreicht, die in den nächsten Stock führte, als die Türen hinter uns nicht mehr den Tonnen von Schutt und den Wassermassen standhielten und das Wasser wie eine gewaltige Flutwelle uns überwältigte. Ich sah noch wie Dad die Treppe erreichte und nach der Hand nach meiner Mutter griff, doch sie erreichte sie nicht mehr, wir wurden von den Wassermassen mit gerissen. Durch ein zerbrochenes Fenster hinaus, aus dem Hotel, in den für mich und meine Mom, in den Moment bewusst werdenden sicheren Tod. Ich kann mich an nicht mehr viel erinnern, außer dass ich immer wieder unter Wasser gedrückt wurde und meine Mom meine Hand nicht losließ. Sie schien übernatürliche Kräfte entwickelt zu haben, denn sie war zu dem Zeitpunkt schon schwer verletzt gewesen, da alles was das Wasser erreichte zu einem tödlichen Geschoss mutierte. Ich weiß nicht wie, aber jemand rettete uns, so dass wir uns, als ich wieder völlig bei Sinnen war, auf einem Baum befanden. Vier weitere Menschen hatten darauf Zuflucht gesucht.

Ich fasste mir an die Stirn, ich blutete, etwas musste mich am Kopf getroffen haben, sonst war alles noch dran. Meine Mom sah wesentlich schlimmer aus. Ihr Bein schien gebrochen zu sein und sie war förmlich Blut überströmt. Ich musste bitterlich weinen und rief immer wieder ihren Namen. Doch sie lag auf dem Ast nicht fähig mir eine Antwort zu geben. Ein Deutscher Tourist, der sich auch auf den Baum befand, sagte mir dass alles gut werden würde und dass sie noch atmete. Doch er klang so weit entfernt, dass sich seine Stimme irgendwie verlor und ich musste an meinen Dad und Mason denken. Mason war doch so klein, er hatte noch sein ganzes Leben vor sich, er hatte nie was verbrochen und hatte es nicht verdient zu sterben, nicht Mason. Ich wollte runter von dem Baum und zu dem Hotel schwimmen, obwohl ich nicht mehr wusste in welche Richtung das überhaupt lag, geschweige denn ob Mason und mein Dad noch dort waren. Doch das Wasser würde mich nach einer Sekunde töten, bevor ich überhaupt die Möglichkeit hatte zu schwimmen. Ich schaute unter mich und sah diese total verschmutze Brühe, das alles mit sich riss, was sich ihr in den Weg stellte. Hoffentlich würde der Baum standhalten, erneut flehte ich darum.

Ich schloss die Augen und wünschte mich woanders hin. Doch die Menschen um mich herum schrieen. Sie schrieen, wie in meinem Albtraum, nur das er plötzlich harte Realität war. Sie schrieen und weinten nach ihren Kindern, ihren Freunden und Familien Angehörigen. Sie schrieen, weil sie gerade wusste dass sie sterben würden. Als ich meine Augen wieder öffnete, klammerte sich ein Junge, der so alt wie ich gewesen zu sein schien, an den Baum und wurde von irgendwelchen Holzbrettern dagegen gepresst. Doch ich konnte ihm nicht helfen, ich war wie paralysiert. Die Männer auf unserem Baum versuchten zu ihm zu gelangen, doch es verließ ihn seine Kraft und er wurde von den Wassermassen einfach mit gerissen. Ich sah die Verzweiflung in seinem Blick, ich spürte seine Angst. Dann ließ er los, verabschiedete sich mit diesem Blick und schien noch irgendwas sagen zu wollen, doch dann versank er unter den Trümmern. Ich hörte wie jemand in Englisch weinend, schrie: „Mother earth forgive them their sins.“ Dann schloss ich wieder meine Augen und hoffte, dass dies irgendwann ein Ende hatte.

Es kam mir wie eine endlose Schleife vor, aus der ich nicht entfliehen konnte und sie kam direkt aus der Hölle. Ich weiß nicht wie lange wir auf diesem Baum saßen und verharrten, wie lange es gedauert hatte bis das Wasser sich wieder langsam zurück zog. Aber als ich irgendwann wieder die Augen öffnete, waren nur die Rückstände von Wasser zu sehen und das blanke Chaos das es hinterlassen hatte. Unser Baum hatte Stand gehalten und einige wenige Häuser auch. Zwischen den vielen Trümmern sah ich, wie Menschen um her liefen und Namen durch die Gegend schrien oder nach Hilfe bettelten. Die Menschen die sich auf demselben Baum wie ich befanden, kletterten herrunter so gut sie es konnten. Fast jeder hatte irgendwelche Verletzungen, wie auch Schnittwunden erlitten. Meine Mom öffnete immer noch nicht die Augen, sie schien das Bewusstsein verloren zu haben. Den Deutschen sah ich nicht mehr, er war weit und breit nicht mehr zu sehen. War er Hilfe holen gegangen oder wollte er nur sich selbst und seine Familie retten, wie fast jeder andere hier?! Da lag ich falsch, denn es gab Menschen, die umher liefen und die Menschen aus den Trümmern befreiten und sie versuchten ab zu transportieren, mit irgendwelchen Tragen, die sie aus dem Müll provisorisch zusammen gefertigt hatten.

Also schrie ich um Hilfe, immer und immer wieder so laut ich konnte. Ein Einheimischer kam zu meinem Baum gerannt und sagte irgendwas, aber ich verstand ihn nicht. Dann rannte er wieder weg und ich schrie wie verzweifelt er solle nicht weg rennen. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich wieder festen Boden unter den Füßen fühlen konnte. Kurz darauf kam auch der Einheimische wieder mit ein paar anderen Leuten zurück. Sie holten meine Mutter irgendwie vom Baum und hievten sie auf eine Trage. Ich war heil froh, dass einer der Männer aus der Schweiz war und ich ihn verstand. Er sagte das wir meine Mutter in ein Auffanglanger bringen, das höher liegen würde, weil uns anscheinend eine zweite Welle bevorstünde. Mir wurde von einer auf die nächste Sekunde ganz schlecht, ich wollte mich übergeben doch ich schluckte es runter. Mason und Dad, ich musste zum Hotel und ich musste wissen ob es ihnen gut ginge. Ich versuchte es dem Schweizer klar zu machen, dass ich nach dem anderen Teil meiner Familie suchen müsse.

Er erzählte es einer Einheimischen auf Englisch und wiederrum übersetzte er mir was sie gesagt hatte: Ich solle mit meiner Mom mitgehen und wenn sie tot wären, würde ich ihnen nicht helfen können. Wenn sie verletzt wären, würde ihnen geholfen werden. Ich schluckte und fing an zu weinen, aber ich wusste dass die beiden Recht hatten. Die Einheimische nahm mich an die Hand und wir folgten denen, die meine Mutter in das Auffanglager trugen. Es war schrecklich mit an zu sehen, was diese Naturgewalt hinterlassen hatte. Nichts als Zerstörung und Trauer schien als Vermächtnis dagelassen zu haben. Ich sah eine Mutter die um ihr Kind trauerte, das sie leblos in ihren Armen hielt, das diese Welt erst gerade betreten hatte und diese schon wieder verlassen musste. Ich sah viele Tote auf dem Weg, deren Körper teilweise komisch, unnatürlich verformt waren. Teilweise waren sie Blut überströmt und manchmal schienen sie als wären sie einfach nur eingeschlafen und nie wieder aufgewacht. Wir kämpften uns den weg quasi durch die Trümmer und ich versuchte irgendwann aus zu blenden was um mich herum geschah.

Als wir im Auffanglager waren wurde die Situation nicht besser, die Menschen schrieen vor Schmerzen, ob nun seelisch oder körperlich. Leute starben und wiederrum andere weinten. Menschen redeten zu mir, immer wieder in anderen Sprachen, in verschiedene Stimmen, jedes Mal verschiedene Leute. Ich verstand nichts, versuchte alles auszublenden und hielt irgendwann nur die Hand meiner Mutter fest umklammert. Ich ließ sie nicht los und hoffte wie alle anderen auf Hilfe. Ich hörte ein lautes Geräusch über mir und schreckte hoch, es war ein Hubschrauber. Die lang ersehnte Rettung?! Doch er landete nicht, die Menschen winkten verzweifelt riefen nach Hilfe. Ihre Verzweiflung schlug in Wut um. Ich konnte es an ihren Gesichtern sehen, ich fühlte so viel, dass ich irgendwann das Gefühl hatte nichts mehr zu fühlen. Stunden verstrichen, bis die ersten Hubschrauber landeten und die Schwerverletzten abtransportierten, in das nächst liegende Krankenhaus. Sie trugen meine Mutter weg, ich hatte ihre Hand noch immer fest umklammert. Die Männer vom Katastrophenschutz wollten dass ich wie die anderen mit auf die Boote gehen solle, da die Hubschrauber nur für Schwerverletzte seien. So übersetzte es mir zumindest der Schweizer von vorhin, der wie aus dem nichts wieder aufgetaucht war. Ich flehte darum bei ihr bleiben zu dürfen, weil ich niemanden mehr im Moment hatte. Und sie willigten ein, ich hatte eine Karte bekommen, meine Karte aus der Hölle. Als wir abhoben war ich erleichtert, ich sah wie alles unter mir kleiner wurde. Ein Mann im Hubschrauber, verband meine Kopfwunde und ich durfte mich ans Fenster zwängen. Bevor alles in weiter Ferne lag, sah ich Menschen in weltraumartigen Anzügen aus einem der Hubschrauber aussteigen. Später wurde mir erzählt, dass sie eine Seuche verhindern wollten und die ganzen Leichen ausgruben und identifizierten.

Als wir das Krankenhaus erreichten, setzte mich eine der Krankenschwester, denen ich wie ein Paket übergeben wurde in der Lobby ab. Anscheinend musste meine Mom sofort in den OP. Der Raum, in dem ich befand, war brechend voll. Die Menschen warteten hier auf eine Erlösung von ihrem Leiden, das ihnen nur selten gewilligt wurde. Es hingen überall Tafeln mit vermissten Personen und Listen. Eine Liste von Leuten die sich in diesem Krankenhaus befanden und eine Totenliste. Ich wagte es nicht auf irgendeiner Liste nach zu sehen, wo sich Mason oder mein Dad befanden. Ich wartete einfach nur darauf, auf was, war mir eigentlich nicht klar. Auf ein Zeichen schätze ich, auf irgendwas das mir die Last von den Schultern nahm.

Und irgendwann kam dieses Zeichen. Irgendwann sah ich einen Mann mit einem Kleinkind auf dem Arm durch die Reihen gehen und wie er mit Leuten sprach. Er schien jemanden zu suchen und als er in meine Richtung blickte erkannte ich ihn. „Dad?“ Als er mich sah liefen ihm Tränen übers Gesicht, er rannte auf mich zu und umarmte mich. Das war einer der glücklichsten Momente meines Lebens. Es war unglaubliches Glück, dass er mich gefunden hatte, er war davor in einem anderen Krankenhaus gewesen und hatte nach Mom und mir gefragt. Er war völlig unversehrt, zumindest so unversehrt wie man nach einem Tsunami nun eben sein konnte. Danach ging alles wie in einer anderen Dimension an mir vorbei. Wir flogen nach Hause, nach dem uns die deutsche Botschaft in Bangkok geholfen hatte. Meine Mom wurde vom Militär nach Hause in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht. Aber das war erst der erste Teil, meines Leidensweg. Die Menschen sagten, dass meine Familie Glück gehabt hatte, sich noch zu haben. Aber die Bilder wurden für immer in unseren Köpfen gebrandmarkt. Man schickte mich danach in Therapie, weil ich in der Schule abstürzte und das einzige was mich auffing war meine beste Freundin. Aber das Schicksal hatte gerade erst gefallen an mir gefunden…“

„Das alles… tut mir aufrichtig leid!“, ich unterbrach die Pause die sich danach ereignet hatte. Zwar schien es mir nicht die richtigen Worte im Nachhinein gewesen zu sein, aber besser als gar nichts zu sagen. Ich hatte mich wirklich hineinversetzen können in die Lage, die sie mir geschildert hatte. Ich wusste wie tückisch Wasser sein konnte und hatte auch schon eine Erfahrung damit gemacht, die aber zu einem anderen Kapitel gehört. Fakt war, dass ich mir zwar vorstellen konnte, wie es gewesen sein musste, aber wahrscheinlich nicht das tatsächliche Ausmaß begriff, es wirklich erlebt zu haben. Das war das erste Mal in meinem Leben, wo ich wirklich sah, wie schrecklich diese Welt doch tatsächlich war. Ich dachte es sei eine eher humorlose Ironie, wie sich die Welt an den Menschen rächte. Aber warum mussten, wieder einmal die Leute sterben, die es am wenigsten verdient hatten?! Ich schaute sie an und musste fast selbst weinen, wie viel Leid musste dieses Mädchen schon ertragen.

 Tränen liefen ihr über die Wangen, ihre Stimme zitterte, auf eine sarkastische Weise: „Jetzt kommt der zweite Teil meiner Geschichte, den nur zwei Leute auf der Welt zu kennen scheinen.“ Sie seufzte, als würde sie es nicht übers Herz bekommen, diesen Teil der Geschichte zu erzählen. Wie aus Reflex griff ich nach ihrer Hand und hielt sie fest. Ich wollte ihr zeigen, dass ich für sie da bin und egal was sie mir sagen würde, ich würde eine Lösung finden. Ich nickte ihr aufmunternd zu, in der Annahme, dass es nicht schlimmer werden konnte. Ihre grünen Augen blinzelten mich kurz an und wandten sich auch schnell wieder ab, als könnte sie mich nicht anschauen für diesen Teil der Geschichte, der jetzt kommen würde. Sie schaute auf die kleinen Wellen, die unter ihren Füßen hin und her wippten. Dann schaute sie in die Ferne, als würde sie ein Zeichen erwarten jetzt anfangen zu dürfen. „Lass dir Zeit“, sagte ich fast unhörbar. Und sie fing wieder an zu erzählen:

„Nach dem Tsunami, konnte ich nur noch unruhig schlafen. Ich hatte schreckliche Albträume, in denen ich diesen Tag immer und immer wieder durchlebte. Die plagende Angst, alles verlieren zu können, von der einen Sekunde zur nächsten. Die Gewissheit einfach zu wissen, dass man sich nicht für länger wirklich versprochen ist. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich jedes Mal die Hölle vor mir und die Menschen darin, die schreien voller Schmerz und Leid nach ihren Familien. Das einzige, was mich jene Monate/Jahre an diesem Leben hielt, war natürlich unteranderem meine Familie und auch Emily Malone.

Emily Malone, war auf eine Art und Weise mein Rettungsanker, der mich über Wasser hielt. Durch ihre quirlige und einfach humorvolle Art die Dinge besser zu sehen, schenkte sie mir Ablenkung, die mir zuhause verwehrt blieb. Emily fing mich auf, sie fasste mich nicht mit Samthandschuhen an, wie es andere immer taten, aber behandelte mich auch nie, als hätte sie vergessen was ich durchmachen musste. Sie machte mich glücklich auf die Weise, auf die es kein anderer tun konnte. Ich glaube so fühlte es sich an, angekommen zu sein. Es kam die Zeit, da verbrachte ich beinahe jeden Tag mit ihr. Wir gingen zusammen zur Schule, anschließend gingen wir zu ihr nach Hause, ich aß mit ihr und ihren Eltern zu Mittag, verbrachte den Tag mit ihr und ging dann meistens wieder zu mir. So ging das eine lange Zeit, ich weiß nicht wie lange, aber es war eine Zeit, in der ich dachte, dass ich mich wieder fange und das ich meinen Lebensmut wieder finden könne.

Dann kam wieder so ein schwarzer Tag, in dem Leben von Chloe Black.  Es war ganz bewölkt an diesem Tag gewesen. Ich hatte wieder eine dieser schlechten Nächte gehabt, in denen ich schweißgebadet und schreiend aufwachte. Meine Eltern meinten, ich müsse heute nicht in die Schule gehen, aber ich ging trotzdem, weil ich Emily sehen wollte. Als ich in der Schule war, war alles so normal wie immer. Die älteren Kids prügelten sich auf dem Schulhof oder scheiterten bei dem kläglichen Versuch, bei einem Mädchen zu landen. Ich und Emily hatten in der letzten Stunde Mathe zusammen und ich wusste, dass es eine wirklich lehrfreie Mathematik Stunde werden würde, weil wir eine Vertretung hatten. Sie erzählte mir dass ihre Mom, die ganze Woche weg sei, weil sie eine Geschäftsreise irgendwo in Oregon hätte und ich dann die ganze Woche bei ihr übernachten könnte. Ich sollte aber erst morgen kommen, weil sie heute bei Ethan schlafen würde. Ethan war Emilys „fast-Freund“, der irgendwie, meiner Meinung nach, mehr unter ihrem Niveau lag. Er war zwar älter, sah ganz passabel aus, doch er war ein unberechenbarer Kerl, der wie eine Bombe, bei jedem heißen Tropfen in die Luft ging. Doch sie wusste schon, dass ich so über ihn dachte, deswegen verkniff ich mir meine Enttäuschung darüber. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon sehr viel über Jungs nachgedacht, aber mich ihnen gegenüber, nie wirklich geöffnet. Liam, war ein Typ auf den alle Mädchen, auf meiner Schule standen. Doch er hatte mich gefragt, ob ich mit ihm zu einer Party gehe. Ich wollte es eigentlich an diesem Tag Emily erzählen, doch die schwebte auf Wolke 7, mit ihrem blöden Ethan.

Als die Schulglocke ertönte, ging ich also nicht wie fast gewöhnlich zur Emily, sondern zu mir nach Hause. Als ich zuhause war, bekam ich eine SMS von Emily. Sie schrieb in der SMS das sie zuhause sei und wo ich bleiben würde. Daraufhin schrieb ich, dass ich dachte, dass sie mit Ethan verabredet sei und darauf kam nur ein nein und ein komm vorbei, als Antwort zurück. Ich hatte mich schon gewundert, doch mir weiter nichts dabei gedacht. Also warf ich meinen Rucksack aufs Bett und ging ohne noch ein Wort mit meinen Eltern zu wechseln, Richtung Emily. Es waren vielleicht 10 Minuten zur Bushaltestelle und dann ca. 15 Minuten mit dem Bus. Sie wohnte etwas außerhalb und ich eher Richtung Stadt Mitte. Die Gegend wo Emily mit ihren Eltern lebte, war eigentlich ziemlich gepflegt. Aber es zogen nicht viele Leute hier her, weil es die meisten Menschen eher in Richtung Stadtmitte zog. Das hatte zu folge das viele, der hier gebauten modernen Luxus Häuser leer standen und die Familie Malone nicht viele Nachbarn hatte. Ich weiß noch ich hatte ein ziemlich ungutes Gefühl, als ich die schäbige Klingel letztendlich drückte. Über der Klingel hing ein Schild, worauf in Retro Schrift stand Willkommen bei Familie Malone. Ich hörte Schritte und dann öffnete sich die Tür.

Er, Emilys Vater öffnete mir die Tür. Er sagte, dass ich doch herein kommen sollte und ich fragte darauf hin, ob Emily oben in ihrem Zimmer sei. Doch er verneinte das. Auf einmal überkam mich ein unwohles Gefühl. Trotzdem betrat ich das Haus. Ich weiß noch, dass ihm ein ganz kurzes Grinsen über sein Gesicht huschte. Erst jetzt sah ich, dass Emilys Handy auf der Ablage, neben der Eingangstür, lag. Ich fragte verdutzt, ob es Emily denn gut ginge und darauf antwortete er, dass Emily bei Ethan sei. Er schaute mich an, ging einen Schritt auf mich zu und strich mir, mit seiner Hand über den Arm. Ich wollte gehen. Ich spürte , dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Also drehte ich mich um, griff nach der Türklinke und war gerade dabei die Eingangstür wieder zu öffnen, als seine Hand hinter mir hervorschnellte und sie wieder schloss. Ich war so perplex, dass ich da stand und nichts tun konnte. Nicht fähig einen Muskel in mir zu bewegen. Er zog einen Schlüssel aus seiner Hosentasche, schloss die Tür ab und ließ ihn wieder in seiner Tasche verschwinden.

Er redete verwirrendes Zeug, dass er schon die ganze Zeit erkannt hätte wie ich mit ihm flirten würde. Wie ich ihn immer ansah, dass er dem nur wieder standen hätte, da ich eine Freundin von seiner Tochter sei. Es machte auf einmal klick in meinem Schädel und ich merkte wie dieses Geschehen in eine völlig ungewollte Richtung gelenkt wurde. Ich widerstritt alles und fragte ob ich wieder gehen konnte, doch das machte ihn nur aggressiver. Als ich merkte, in welcher Lage ich mich befand, kam der Fluchtreflex in mir zum Vorschein. Ich kannte dieses Haus so gut, wie unser Haus und daher wusste ich, dass die Malones eine Terrassen Tür hatte. Also rannte ich ohne zu zögern los. Doch er packte mich in letzter Sekunde so fest an meinem Arm, dass ich vor Schmerzen aufschrie. Er schleuderte mich mit ganzer Kraft nach hinten in Richtung Tür, so dass mein Kopf auf den Ablagetisch donnerte und ich zu Boden fiel. Mir war plötzlich ganz schwindelig und mein Schädel hämmerte vor Schmerz. Er beugte sich über mich und ich versuchte mich, mit der mir verbliebenen Kraft zu wehren, doch er war viel stärker als ich. Ich versuchte zu schreien doch meine Stimmbänder waren, wie eingefroren.

Als ich dann doch einen Ton herausbrachte, würgte er mich fast bis zur Besinnungslosigkeit. Ich schaute ihn an, voller Angst, doch er hatte kein Gesicht mehr, aus seinem Gesicht wurde eine hässliche Fratze und er mutierte zum Monster. Es reichte ihm nicht mich zu würgen, mich zu demütigen, um ein vollendetes Monster zu werden, musste er mir alles nehmen. Also riss er mir die Hose auf und nahm mir an diesem Tag, das kleine bisschen Leben, das ich gerade wieder gefunden hatte. Ich dachte er würde mich umbringen, ich dachte es hätte endlich ein Ende. Doch als er mit mir fertig war, lachte er mich nur an und sagte wie schwach ich doch wäre. Einen Gefallen würde er der Welt tuen, mein nutzloses Leben einfach auszulöschen. Aber dass es keinen Wert hätte sich die Mühe zu machen, mich umzubringen, da mir sowieso keine Menschenseele glauben würde. Er hatte Recht, wer würde mir glauben?! Die Malones waren eine angesehene Familie, James Malone war im Elternbeirat der Schule, er war ein angesehener Familienvater, ein jedermanns Freund.

Ich hingegen war das missratene Kind der Familie Black, traumatisiert und nicht bedeuteten. Auch wenn mir meine Eltern glauben würden, würde ich sie mit in den Abgrund reißen. Das Monster zwang mich ihm direkt in seine Augen zu sehen und mahnte, falls ich dumm genug wäre, es doch jemanden zu verraten, würde er erst Mason und dann meine ganze Familie umbringen. Dann stand er auf und befahl mir meine Kleidung wieder anzuziehen. Doch mein ganzer Körper zitterte und es schmerzte mich nicht nur körperlich. Als er mich anschrie, versuchte ich trotz allem meine Klamotten wieder anzuziehen. Ein Gefühl von Scham überkam mich. Es war so gewaltig, dass mir davon übel wurde. Er gab mir einen Schal, um die Würgemale um meinen Hals zu bedecken, bevor ich ging, flüsterte er mir noch mal seine Drohungen ins Ohr, die Realität werden würden, wenn ich es nur wagte das Geschehene laut auszusprechen. Als letztes sagte er, dass er sich auf ein baldiges Wiedersehen freuen würde.

Als ich endlich draußen war, regnete es in Strömen. Ich rannte wohl eher zurück nach Hause, als hätte ich das Gefühl der Regen würde diesen Schmutz, diese Scham an mir reinwaschen. Doch schlussendlich konnte das wohl niemand, denn diesmal konnte mich niemand auffangen, ich hab an diesem Tag auch mein Vertrauen in die Menschen verloren. Niemand war diesmal da, um mich aufzufangen und niemand außer du, hat bis jetzt davon erfahren. Nach diesem Tag bin ich abgerutscht, habe jegliche Beziehung zu meinen Mitmenschen beendet und bin in ein tiefes Loch gefallen. Drogen halfen nicht, sie verstärkten nur das, was ich gerade fühlte und machten meine Emotion nur noch intensiver. Jedes Mal wenn ich der Realität zu sehr entglitt, nahm mich ein Messer und schlitzte mir in den Arm, das war das einzige was mich wieder zurückholte. Doch jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich dem ein Ende bereiten werde. Du weißt nicht, wie es ist, so zu leben! Immer wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich nicht Chloe Black vor mir, sondern eine leblose Hülle. Ich bin nicht mehr die Person die ich mal war, vor diesen Ereignissen. Und ich will, dass du weißt dass man mich nicht mehr retten kann und …“

„… dass du nicht mehr gerettet werden willst!“ – Beendete ich ihren Satz. Sie nickte zögernd und ihr Blick wanderte wieder zu meinem. Ich verkniff mir das Weinen, doch sie sah mir offensichtlich an, wie sehr mich ihre Geschichte mitgenommen hatte und strich mir über die Wange. „Du hast es nicht verdient so jung, eine so große Last, auf deinen kleinen Schultern zu tragen! Aber du bist würdig genug, meine Geschichte zu erfahren.“ Sie schaute mich an, Sonnenstrahlen huschten ihr übers Gesicht. Sie war für einen Augenblick nur ein ganz normales 16 Jähriges Mädchen. Ich zögerte doch sagte dann schließlich „Ich weiß nicht ob ich verstehe, was du von mir erwartest.“ Sie lächelte etwas wehmütig, „Ich will nicht, dass du mich davon abhälst mein Leben zu beenden und ich will auch, dass du mir versprichst mein Geheimnis zu bewahren, bis ich von dieser Erde gegangen bin. Ich weiß, dass das viel verlangt ist, aber du musst es mir versprechen. Ich habe dich nicht aus Zufall ausgewählt, ich habe einfach gemerkt dass du auf eine spezielle Art anders bist, als die anderen Kids. Also auch wenn es albern klingt Enny, verspreche es mir?! Erfülle mir meinen aller letzten Wunsch und triff eine Entscheidung.“ Schlagartig wurde mir bewusst um was sie mich bat. Doch ich konnte sie nicht enttäuschen, zu viele Menschen hatten sie schon im Stich gelassen, ich konnte ihr das nicht auch noch antun. Ich schaute in Richtung des Sees und irgendwie kamen die Wörter aus mir heraus, „Ich verspreche es dir Chloe.“

Sie wischte sich die Tränen mit ihrem lang arm Sweatshirt aus dem Gesicht und stand auf. „Komm ich muss gehen“, sagte sie mit einer völlig gefassten Stimme. Sie half mir auf und wir gingen gemeinsam vom Steg, durch den Wald und redeten kein einziges Wort. Es schien für einen kurzen Moment so als wären wir ganz normale Freundinnen, die einen Spaziergang machten. Als wäre die Welt für einen kurzen Tag ganz normal. Als wir aus dem Wald stapften, fiel Chloes Mutter Chloe um den Hals und Tony warf mir einen finsteren Blick zu. Chloes Mom fragte, wo wir gewesen seien und dass sie sich Sorgen gemacht hätte. Aber da alles gut wäre, könne Chloe jetzt mit ihnen zurück fahren. Ich bettelte Tony an, dass er mir wenigstens noch eine Minute geben könne, um mich zu verabschieden. Als alle dann bis auf Chloe im Auto waren, umarmte sie mich. Ich könnte jetzt noch die Entscheidung treffen, sie zu retten oder zumindest ihre Eltern einzuweihen. Als sie mich umarmte, flüsterte sie mir ins Ohr, „wir sehen uns, aber erst wieder auf der anderen Seite.“ Und sie drehte sich um, stieg in das graue Auto ein und verschwand irgendwann am Horizont.

Das war das letzte Mal, dass ich Chloe Black gesehen hatte. Ich hatte nichts von ihr, außer ihren Namen und ihr Geheimnis, das war alles, was von ihr geblieben ist. Ich wollte immer noch herausfinden, ob sie noch lebte, googlete wie verrückt nach Selbstmorden von Mädchen, die nach diesem Datum erfolgten. Ich wusste nicht einmal, wo sie genau wohnte und irgendwie erreichen, konnte ich sie auch nicht mehr. Das Camp gab keine personellen Daten, an irgendwelche dahergelaufen heraus. Jedes Mal wenn ich eine Selbstmordgeschichte fand, die auf ihre Beschreibung passte, wurde mir ganz schlecht. Irgendwann stellte ich das ein und vergrub Chloe Black ganz tief in meiner Erinnerung, als hätte ich sie niemals getroffen. Aber sie war immer ein Teil von mir und ihre Geschichte beschäftigt mich noch sieben Jahre nach dem wir uns getroffen hatten. Die Gewissheit nicht zu wissen, ob sie noch lebt, macht mich manchmal fertig, aber tief in meinem Inneren weiß ich, dass sie tot ist. Trotz ihrer schwarzen Sicht auf die Welt, hat sie mir gezeigt, dass das Leben kostbar ist und ein Geschenk. Es ist ein Privileg leben zu dürfen und wir können was ändern so lange wir leben, denn jetzt ist unsere Zeit auf Erden. Sie hat mir aufgedeckt wie grausam die Welt sein kann, aber mir gleichzeitig damit gezeigt, dass es unsere Wahl ist, was wir aus schrecklichem Erlebtem machen. Wir können uns frei entscheiden, ob wir leben oder ob wir sterben. Wir können eigene Entscheidungen treffen, aber wir müssen anschließend auch damit leben können. Ich hab meine Entscheidung getroffen, Chloe Blacks Geheimnis in Ehren zu halten. Ich muss mein ganzes Leben mit dieser Entscheidung leben, ihren Selbstmord vielleicht nicht verhindert zu haben.

3 Kommentare

  1. Sehr interessante und spannende Geschichte…
    Und es tut mir sehr Leid, dass du mit so einen Entscheidung dich immer noch rum schlägst. Ich kenne so was, aber nicht das gleiche. Manche Menschen, die man mag, entscheiden leider früher zu gehen. Ich finde es auch sehr belasstend. Also fühl dich gedrückt…

    Gefällt 1 Person

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